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many voices in one song - an installation will be created - an art project by the conceptual artist
Norbert Wartig (Berlin|GER) in cooperation with the composer Gerhard Müller-Goldboom (Berlin|GER) -
using all the songs - a search for a contemporary interpretation: sound, tone and rhythm as a musical ritual,
experimental sound collage and/or structured composition - an update every 8 weeks on this page -
if you would like more information -
send an email to
whatdoesitmean@rememberbook.de
example 1
the first submissions
example 2
CH-CZ-BE-CZ
example 3
Atundu-Ongo-Ngono
Norbert Wartig (NW)
Wenn du an Kinderlieder denkst: Was ist für dich ihr musikalischer Kern – und was bedeutet es, ihn heute eventuell neu hörbar zu machen?
Bedeuten Kinderlieder für dich persönlich Anfang, Erinnerung oder beides zugleich - oder sind sie einfach nur ein gewöhnliches Liedgut?
Gerhardt Müller (GMG)
Ich habe als Kind zwar Kinderlieder kennengelernt, erinnere mich aber, dass sie von meiner Großmutter sehr schnell als, weil kindlich, nicht ernstzunehmendes Gut eingestuft wurden, weshalb ich bald „richtige“ Musik kennenlernen und machen wollte. Eine völlig fatale Haltung, die ich erst reflektierend abgelegt habe, als meine Tochter gern und viel Kinderlieder sang.
NW:
Viele Kinderlieder arbeiten mit sehr einfachen Strukturen (Wiederholung, kurze Motive).
Was könnte dich daran interessieren als Komponist?
Siehst du darin eine Beschränkung – oder ein offenes Feld für Transformation?
GMG:
Einfache oder komplexe Strukturen haben je nach Kontext ihre ganz eigenen Werte und sind von Fall zu Fall dem musikalischen Zweck angemessen. Die Tatsache, dass etwas ein kurzes Motiv ist, sagt zunächst gar nichts aus, denn das kurze Motiv kann eine ganz besondere Qualität haben. Ein Ohrwurm entsteht ja nicht ohne Reiz. Ist mit Transformation gemeint, dass Kinderliedmaterial in einer Komposition als nichthörbare oder hörbare Grundlage eingeht?
NW:
Siehst du Verbindungen zwischen „einfachen“ Liedstrukturen in europäischen und afrikanischen Traditionen? Und ganz allgemein in der Idee (wenn es so etwas gibt) der Machart von Kinderliedern?
Wo vermutest du grundlegende Unterschiede – wo mögliche Nähe (europäisch, afrikanisch, allgemein)?
GMG:
Da fragst Du ja einen ganzen Forschungsbereich der Musikethnologie auf einmal ab. Natürlich gibt es etwas Allgemeines, aber die verbindenden Strukturen zu erkennen, wie man sich das an der vorletzten Jahrhundertwende einmal vorgestellt hat, ist so komplex, dass ich sie so einfach gestellt gar nicht für beantwortbar halte. Weder den afrikanischen noch den europäischen äußerst vielfältigen Ausprägungen dürfte man gerecht werden können, es dürften immer nur die echten Sachverhalte vergewaltigende Vereinfachungen dabei herauskommen.
NW:
Wenn du Kinderlieder aus Kenia und Tschechien gegenüberstellst:
Welche Unterschiede reizen dich besonders zur Bearbeitung (Rhythmus, Sprache, Geste, ...)?
Wo erwartest du überraschende Gemeinsamkeiten?
GMG:
Was mit zuallererst fehlt, sind die Texte wenigstens in einer interlinearen Übersetzung. Text mach ja immer mindestens die Hälfte eines Liedes aus. Du hast mir nur die Tschechien-Lieder geschickt, von den Kenia-Liedern habe ich nur Alias ohne Sounddatei erhalten.
NW:
Transformation: Wann wird ein Kinderlied für dich Material, aus dem etwas Eigenständiges entstehen darf?
Dialog: Was passiert, wenn Lieder (Töne) aus unterschiedlichen Kulturen gleichzeitig klingen und sich gegenseitig beeinflussen?
Kern + neuer Text: Was wäre für dich der musikalische Kern eines Kinderliedes – und wie offen ist er für einen neuen, zeitgenössischen Text? Wie beeinflussen sich Text und Klang gegenseitig?
GMG:
Grundsätzlich kann jedes Lied zu Material für eine Komposition werden. In jedem Fall entsteht eine neue Kontextuierung, die ganz verschiedene Implikationen haben kann. Stell dir je ein russisches und ein ukrainisches Kinderlind als Material einer Komposition vor. Wären Harmonie oder Zusammenprall Ergebnis. Das sich gegenseitige Beeinflussen verschiedener Lieder, ihrer Texte, die Schaffung neuer Melodien zu bekannten Texten oder das Singen neuer Texte zu bekannten Melodien können wir mehr als 1000 Jahre zurückverfolgen. In jedem Fall dieser ins Tausendfache gehenden Übungen handelt es sich um Einzelfälle, die aus verschiedensten Gründen – die Palette reicht von Ideologie bis zum karnewalesken Spaß – immer andere Qualitäten und als solche zu beurteilen sind. Zu dem Thema sind schon Bibliotheken gefüllt worden.
NW:
Was könnte eine solche Komposition heute leisten – jenseits von Sammlung oder Folklore?
Für wen könnte diese Musik entstehen?
Könntest du dir vorstellen, dich thematisch an folgenden drei Herangehensweisen "heranzuwagen" - oder welchen Weg der Bearbeitung wählst du?
A einzelne isolierte Neubearbeitung, aus der Quelle wird etwas Neues erschaffen
B die Lieder treten in einen Dialog, münden in ein gemeinsames Lied
C der musikalische Kern des einzelnen Liedes wird abgebildet und mit einem neuen Text (der auf die Veränderung reagiert) durch mich
GMG:
Jedes (Kinder)lied hat seine ganz eigenen Qualitäten, diese können einen Impuls geben, etwas Neues oder Anderes daraus zu entwickeln. Manchmal begegnet mir etwas, wo ich mir denke, das ist ein etwas, das ich genauer kennenlernen möchte, vielleicht um dann etwas Neues daraus zu entwickeln. Aber da muss der Anstoß der konkreten Begegnung mit einem Lied einen Auslöser liefern. So ist letztlich die Frage zu abstrakt gestellt, fast wie eine Aufgabenstellung für KI.